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28. März 2010 7 28 /03 /März /2010 12:51

Umstrittene Flurgänge der Feldgeschworenen.
Nach ihrer Niederlage vor dem Verwaltungsgericht Ansbach sucht die Stadt Bad Windsheim offenbar krampfhaft nach Möglichkeiten, diese für die Stadt kostspieligen Flurgänge in Zukunft wieder durchführen zu lassen. Wegen diesem Urteil wurden die Flurgänge in 2009 und 2010 ausgesetzt, wider Erwarten ist kein Chaos in den Fluren ausgebrochen. Seit Ende 2008 liegt ein Antrag der Stadt BW auf Zulassung einer Berufung beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, das VG Ansbach hatte in seinem Urteil eine Berufung ausdrücklich ausgeschlossen.

Dieter Hummel, 2. Bürgermeister und CSU- Ortsvorsitzender, war nun deswegen zusammen mit dem Landtagsabgeordneten Hans Herold im Innenministerium bei Minister Herrmann. Man bat den Herrn Minister, sich für die in Franken angeblich so lebendige und wichtige Tradition der Feldgeschworenen einzusetzen.

Unter Flurgängen versteht man Kontrollgänge der Siebener an den Grenzen der Grundstücke im drei- oder vierjährigem Turnus. Dazu werden die Grundstücksbesitzer aufgefordert, die Grenzsteine aufzudecken. Nicht aufgedeckte Steine werden dann von den Siebenern kostenpflichtig aufgedeckt. Obwohl die Gemeinde per Wegfläche an jeden Stein genauso angrenzt, wurde generell der Landwirt in eine Art Pauschalhaftung genommen und abkassiert. Während dies in der Vergangenheit so hingenommen wurde, regt sich auf Grund von veränderten Betriebsgrößen und deutlich verbesserter Vermessungstechnik immer mehr Widerstand gegen diese (meiner -RM- Meinung nach) kostspielige mittelalterliche fränkische Unsitte. Mittlerweile hat sich auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Gemeinden als Angrenzer genauso für den Erhalt der Grenzsteine verantwortlich sind. Das VG Ansbach stellte fest, dass der Veranlasser der Flurgänge eben auch die Kosten zu tragen habe.

Flurgänge mögen im Mittelalter ihre Berechtigung gehabt haben, als es weder Grundbuch noch Vermessungstechnik gab. Damals waren die geheimen Zeichen der Siebener die einzige Möglichkeit, einen beseitigten oder verschobenen Grenzstein wieder an der richtigen Stelle einzubringen. Heutzutage, im Satellitenzeitalter, kann jeder Grenzpunkt innerhalb kürzester Zeit ohne großen Aufwand wieder hergestellt werden. Der technische Fortschritt schreitet auch auf diesem Gebiet rasant voran. Wer hätte es sich z. B. vor 30 Jahren vorstellen können, dass es irgendwann einmal ein kleines Kästchen als Navigator geben würde, das punktgenau den Weg zu fast jedem Haus in ganz Europa zeigen kann?

Feldgeschworene kennt man in den meisten Bundesländern nicht, lediglich in Bayern wird am Siebenerwesen (noch) festgehalten. Während sich aber die Tätigkeiten im größten Teil Bayerns auf das setzen von Grenzsteinen beschränkt, wird in Franken, und hier insbesondere in den Landkreisen NEA und Kitzingen, auf biegen und brechen an der Durchführung von Flurgängen festgehalten. Dabei herrscht oft Willkür vor, jeder Siebenerobmann kocht sein eigenes Süppchen, nicht einmal in den Ortsteilen von BW gibt es einheitliche Regeln. Das Landratsamt als Rechtsaufsichtsbehörde schaut dem meist tatenlos zu. Ein sehr wichtiges Argument der Siebener ist "das haben wir schon immer so gemacht". Es gibt nur wenige Siebener, die wesentliche Kenntnisse von Vermessungstechnik und gesetzlichen Vorschriften haben.

Um Siebener werden zu können, musste man früher verheiratet und männlichen Geschlechtes sein. Diese Voraussetzungen wurden mittlerweile modernisiert. Es findet keine demokratische Wahl statt, die Siebener wählen sich intern selber ihre Nachfolger aus, meistens wird der Posten vom Vater auf den Sohn (fast) vererbt. Personen mit eigener Meinung sind eher nicht so erwünscht, eine gewisse Anpassungsfähigkeit ist sehr wichtig. Es findet weder eine Schulung, noch irgendeine andere Qualifikationsmaßnahme statt, der neue Siebener wird vereidigt und wird dann von allen möglichen Ehrengästen anlässlich von Versammlungen zum Experten, Friedensstifter, Garanten für Ordnung Recht und Sitte und manchmal sogar zum Stellvertreter Gottes auf Erden hochgejubelt, es wird ein regelrechter Kult betrieben.

Es gibt nichts gegen die Durchführung von Flurgängen einzuwenden, wenn die Gemeinden sämtliche Kosten dafür tragen. Es gibt auch nichts gegen die Erhaltung von Traditionen einzuwenden, dies kann jedoch nicht auf Kosten von Grundstücksbesitzern und Kommunen erfolgen. Im Fränkischen Freilandmuseum ist genug Platz für Brauchtumspflege der Feldgeschworenen. Dort kann sich dann auch Dieter Hummel als wahrscheinlicher Siebenernachfolger seines Vaters in Traditionspflege üben. Die Stadt Bad Windsheim kann diese Siebenerkosten von jährlich ca. 8000 € an vielen anderen Stellen wesentlich sinnvoller einsetzen.

Weiteres auch bei: www.siebener.over-blog.de


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