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6. November 2009 5 06 /11 /November /2009 17:10
Sehr geehrter Herr Müller,
als kaufmännischer Leiter der Klinik Bad Windsheim habe ich in einer Mitteilung an unser Personal versucht, etwas Klarheit in die aufgeheizte Diskussion zu bringen. Vielleicht hilft dieses Schreiben auch der Öffentlichkeit.

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
fast täglich werden wir über die Medien mit Aussagen zur Umstrukturierung unserer Klinik konfrontiert. Viele Fragen bewegen uns selbst. Je mehr Durcheinander entsteht, umso mehr Ängste werden freigesetzt. Nicht nur bei uns, auch unsere Patienten sind inzwischen hochgradig verunsichert. Auch wenn ich nicht alle Fragen beantworten kann, will ich doch den Versuch machen, etwas Klarheit und damit auch Sicherheit in die Situation zu bringen. Gerne bin ich bereit, die einzelnen Aussagen mit Ihnen zu diskutieren. Bitte sprechen Sie mich an.

Allgemeines: „Kliniktod bzw. die Klinik Bad Windsheim soll platt gemacht werden, das alles ist nur eine Vorbereitung auf eine Privatisierung“
Darum ist es nie gegangen. Es war immer einhellige Meinung des Verwaltungsrates, alle drei Kliniken im Landkreis und die damit verbundenen Arbeitsplätze in kommunaler Trägerschaft zu erhalten. Daran hat sich nichts geändert.
„Es wurden erst kürzlich 37 Millionen in die Klinik investiert“
13.735.000 € 1984-1995 Funktionsb. Baustufe 2, Heizung, CT-Praxis, Lüftung, Parkpl.
1.127.000 € 1988-1995 Einrichtung
20.099.000 € 2001-2007 Bauabschnitte 2 und 3, Außenaufzug, Stromversorgung
Hier geht es mir nicht darum, Summen richtig zu stellen. Die Klinik Bad Windsheim ist ein Top saniertes Haus. Ich will damit nur zeigen, wie Argumente „aufgeblasen“ werden.
„Mögliche Kündigung der Betroffenen“ Es gibt keine betriebsbedingten Kündigungen, mehrfach vom Landrat und vom Vorstand so geäußert.
Notfallversorgung: „Die Besetzung des Notarztwagens kann nicht aufrechterhalten werden“
Wer besetzt denn den Notarztwagen bisher? Von 8:00 bis 18:00 Uhr Werktags wird der Notarzt durch die Klinik gestellt. Daran wird sich nichts ändern.
„Der Anästhesist kann sich aufgrund seines herabgestuften Bereitschaftsdienstes durchaus ein bis zwei Stunden Zeit lassen, bis er im Krankenhaus erscheint“
Die Klinik Bad Windsheim bleibt ein unfallchirurgisches Haus der Akutversorgung. Wieso sollte sich der Anästhesist da zwei Stunden Zeit lassen können?
„Wenn ein Senior 100m neben dem Krankenhaus einen Herzstillstand erleidet…. der Anästhesist nach einer Stunde eintrifft….der Notarzt aus Neustadt kommt….40 min Herzstillstand“
In diesem Szenario wird unterstellen, dass es außerhalb der Dienstzeit geschieht, da ja der Anästhesist erst nach einer Stunde eintreffen soll, also eine Zeit, in der für den Notarztdienst auch jetzt schon der niedergelassene Bereich zuständig ist. Diese Patienten werden jetzt schon vom Notarzt reanimiert und in die entsprechende Klinik gebracht. Bereits seit Jahren werden Herzinfarkt-Patienten nach Neustadt transportiert. Und wo ist die Grenze der Entfernung zu einer Klinik? 100m, 500m, 5km, 15 km? Ist ein Herzstillstand in Markt Erlbach, Burghaslach, Burgbernheim weniger schlimm?
Geburtshilfe/Gynäkologie: „Man kann die Geburtshilfe und die Gynäkologie von Neustadt nach Bad Windsheim verlegen“
Mal abgesehen davon, dass in Neustadt jährlich 500 Geburten sind und in Bad Windsheim 180, würde eine Hauptabteilung zu Gunsten einer Belegabteilung aufgelöst werden, wohl wissend, dass die jetzigen Gynäkologen in wenigen Jahren in den Ruhestand gehen. Eine Nachfolge ist weit und breit nicht in Sicht. Damit wäre das Thema Geburtshilfe im Landkreis endgültig erledigt. Das gleiche gilt für die Mammacarzinome. Entweder wir bündeln die Operationen und schließen uns einem zertifizierten Brustzentrum an oder wir werden diese OP´s im Landkreis nicht mehr anbieten dürfen. Die Zahl von 150 (erst-) Operationen gilt nur für ein eigenes Brustzentrum, als Kooperations-partner reichen 50.
„Es besteht die Gefahr, dass zukünftig Frauen auf der B470 ihre Kinder entbinden werden“
Wie viele Mütter aus Scheinfeld haben in der Vergangenheit auf der B8 entbunden?
„Wo die Geburtshilfe stirbt, stirbt später das Krankenhaus“
Auch durch noch so häufiges wiederholen wird dieser Unsinn nicht richtiger. Ein Krankenhaus stirbt nicht. Entweder wird es verkauft oder geschlossen, aber auf jeden Fall ist dies unabhängig vom Vorhandsein einer Geburtshilfe. Die Gefahr der Schließung sehe ich für unsere Klinik nicht. Vielmehr sehe ich die Chance durch eine Reorganisation alle drei Kliniken langfristig zu sichern.
„Warum überhaupt eine Leitklinik,  warum jetzt, bis vor kurzem ging es uns doch noch gut?“
Im ganzen Land findet eine Zentrumsbildung statt. Ein Schild mit „Bauchzentrum“ bringt aber noch keine Patienten. Der Aufbau eines guten Rufes dauert einige Zeit, aber dann werden sich die Patientenströme nach dem Ruf und der guten Qualität ausrichten. Sind diese erst mal festgelegt, ist sozusagen der „Kuchen“ verteilt. Diese negative Abwärtsbewegung lässt sich dann wohl nicht mehr umkehren und wird wie in einem Strudel immer schneller nach unten ziehen. Die Krankenkassen werden in Zukunft Einzelverträge mit Kliniken über bestimmte Leistungen vereinbaren. Um hier bestehen zu können, müssen wir Kompetenzzentren bilden. Jetzt haben wir noch eine sehr gute Chance, uns im Markt zu positionieren. Jetzt können wir den Grundstein für eine sichere Zukunft legen. Geht es den Kliniken gut, wird es der Bevölkerung gut gehen, unsere Arbeitsplätze sind gesichert und wir haben gute Chancen durch ärztliche Ausbildung auch den niedergelassenen Bereich zu unterstützen.
„Wenn schon eine Leitklinik sein muss, warum dann nicht in Bad Windsheim?“
Im östlichen Landkreis wohnen 60% der Einwohner. Das Einzugsgebiet der Klinik Bad Windsheim umfasst 30% und das der Klinik Uffenheim 10%. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und liegen in der Vergangenheit. Das hilft aber nichts, an diesen Fakten müssen wir uns orientieren und können auch nicht warten, bis sie sich eventuell ändern werden.
„Die Bad Windsheimer werden nie nach Neustadt gehen“
Dieser Satz ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Je mehr Menschen durch die Kampagne des Bürgerbegehrens emotionalisiert werden, um so weniger werden nach Neustadt in die Klinik gehen. Damit werden aber alle drei Kliniken gefährdet. Hieran sieht man deutlich, dass die Interessen des Bürgerbegehrens nicht zum Wohl der Kliniken sein können.
„Das Gutachten wurde beeinflusst.“
Die Wahl des Gutachters fiel neben der bekannten Kompetenz vor allem deshalb auf Oberender und Partner, da diese in der Stadt Bad Windsheim schon bekannt waren und auch von Dr. Dietrich Malcher empfohlen wurden. Ein Büro wie Oberender und Partner mit Anschluss an einen universitären Lehrstuhl kann sich ein Gefälligkeitsgutachten gar nicht erlauben. So wichtig sind wir Deutschlandweit nun auch wieder nicht. Das Gutachten hat im Ergebnis gebracht, die Viszeralchirurgie, die komplette Innere Abteilung, die Gynäkologie, die Geburtshilfe sowie die HNO Abteilung nach Neustadt zu verlegen. Unseren eigenen Anstrengungen ist es zu verdanken, dass die Gynäkologie, die HNO-Abteilung und hoffentlich ein Teil der Inneren Abteilung in Form einer Seniorenmedizin und die Schlaganfalleinheit in Bad Windsheim bleiben kann.
„Ein Defizit von 2 Millionen € muss doch tragbar sein, für anderes wird doch viel mehr Geld ausgegeben.“
Prinzipiell stimme ich zu, dass eine gute medizinische Versorgung der Bevölkerung dem Landkreis auch etwas kosten kann. Man darf aber nicht vergessen, dass bei allen Baumaßnahmen der Landkreis mit ca. 15 % Eigenbeteiligung in den letzten Jahren viel Geld für die Kliniken aufgebracht hat. Es ist immer populistisch, verschiedene Bereiche miteinander zu vermischen, Straßenbau mit Jugendhilfe, Schulen mit Kliniken usw. Aber es ist nun mal Fakt, dass der Landkreis für alle diese Bereiche zuständig ist. Vor allem aber wären mit einer Übernahme des Defizits unsere Probleme nicht behoben: Jetzt sind es 2 Mio., bis 2013 steigt das auf prognostizierten 3 Mio., bei gleich bleibenden Rahmenbedingungen. Die Rahmenbedingungen werden aber nicht gleich bleiben. Ohne Zentrumsbildung werden noch mehr Patienten die Versorgung außerhalb des Landkreises suchen und die Auslastung damit noch weiter sinken. Ohne attraktive Ausbildungsmöglichkeiten werden wir keine Ärzte mehr bekommen. Stationen und Abteilungen werden sich dadurch selbst schließen (siehe Feuchtwangen). Wir sind zum Glück keinen Aktionären eine Gewinnmaximierung schuldig, aber ohne eine 2-3%-ige Rendite wird uns das Geld für künftige Investitionen fehlen.
„In Bad Windsheim sollen Betten geschlossen und in Neustadt dafür neu gebaut werden.“
In Bad Windsheim sollen keine Betten geschlossen werden, es werden nur andere Patienten da sein. Der Neubau in Neustadt ist eine logische Konsequenz aus der Zentrumsbildung. Das richtet sich aber nicht gegen Bad Windsheim. Eine Rückzahlung von Fördermitteln kann vermieden werden, wenn in freiwerdende Flächen in Bad Windsheim die „Phase B“ Betten der Kiliani-Klinik untergebracht werden können. Selbst wenn es für einen Neubau in Neustadt keine Fördermittel geben sollte, wäre die Finanzbelastung durch ein Darlehen bei ca. 300.000 € pro Jahr. Wenn dadurch ein Millionendefizit verhindert werden kann, ist das eine gute Investition.
Seniorenmedizin: „Das ist ja nirgends definiert und damit ungenau“
Für die einen ist das Glas halb voll, für die anderen halb leer. Es ist richtig, dass es den Begriff der Seniorenmedizin so nicht gibt. Aber wir sehen darin die Chance, die Krankheitsbilder selbst definieren und auf die besonderen Bad Windsheimer Erfordernisse anpassen zu können. Dadurch ist es uns möglich, internistische fachärztliche Kompetenz hier zu behalten und damit auch die Notfallversorgung zu verbessern. Auch die Schlaganfalleinheit ist davon abhängig. Dies gelingt uns aber nur in enger Kooperation mit der Kiliani-Klinik und deren „Phase B“ Betten. Je mehr jetzt im Vorfeld der Verhandlungen dieses Konzept schlecht geredet wird, um so größer ist die Gefahr eines Scheiterns. Die Konsequenzen sind klar. Keine Inneren Betten und keine Schlaganfalleinheit in Bad Windsheim.
„Der Bürgerentscheid ist die letzte Chance für die Klinik Bad Windsheim.“
Genau das Gegenteil ist der Fall. Ganz abgesehen davon, dass dieser Bürgerentscheid die alten Gräben der Gebietsreform wieder aufreißen wird, würde der Erfolg des Bürgerentscheides dazu führen, dass das Kommunalunternehmen abgewickelt und die dazugehörige GmbH aufgelöst werden müsste.
Ein Unternehmen mit knapp 1.000 Beschäftigten lässt sich nicht führen wie ein Sachgebiet im Rathaus. Eine Privatisierung der Kliniken, und zwar aller drei Kliniken im Landkreis, wäre die unausweichliche Folge dieser Entscheidung. Die Bedeutung für das Personal: bis zu 20 % weniger Lohn, betriebsbedingt Kündigungen, da viele Bereiche zentral (nicht im Landkreis zentral, sondern im Bundesgebiet zentral) gemacht werden. Die Bedeutung für die Bevölkerung: das Ende der flächendeckenden Grundversorgung, von Notfallversorgung gar nicht zu sprechen, nur noch Portalklinik für die anderen Fachkliniken des privaten Betreibers. Die Bedeutung für die niedergelassenen Ärzte: immenser Einkommensverlust, da ein privater Betreiber als erstes seine eigenen MVZ´s als Zweigstelle an den Kliniken implantiert. Die Bemühungen des Stadtrates sowie des Seniorenrates und der Initiatoren des Bürgerbegehrens zeigen Wirkung. Viele verunsicherte Patienten kommen zu uns und fragen, ob sie sich hier überhaupt noch behandeln lassen können, ob die Geräte noch da sind. Da stellt sich doch die Frage, wer hier der Klinik wirklich schadet!

Bitte helfen Sie mit unsere Kliniken in der Öffentlichkeit wieder Positiv darzustellen!
Ihr Gerhard Sandmann, kfm. Leiter Klinik Bad Windsheim

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