Friday, 17. july 2009
5
17
/07
/Juli
/2009
22:00
Satire - Satire - Satire - Satire
Heute: Merkwürdige Tradition
Ein Bürgermeister ist nur so stark, wie sein Stadtrat schwach ist, heißt es im Volksmund.
Man kann es auch andersrum ausdrücken: Ein starker Bürgermeister kann sich Dinge erlauben, weil er genau weiß, dass sein Stadtrat schwach ist und ihn gewähren lässt.
Es soll einen Bürgermeister gegeben haben, der hat mal eben mehrere Grundstücke an der Erkenbrechtallee gekauft. Ohne dass es ihm der Stadtrat erlaubt hätte, sonst macht es ja auch keinen Spaß.
Und weil man sich in dieser Stadt ja so lieb hat (oder ist das die Geschichte mit der Krähe und dem Auge?),
hat der Stadtrat den Kauf nachträglich genehmigt.
Stellen Sie sich mal vor, Sie bauen einfach ein Haus auf Ihrem Grundstück und gehen danach zur Stadt-verwaltung, um eine Genehmigung zu bekommen. Wissen Sie, was der Stadtrat macht? Ich nicht, ich
weiß nur, was er sicher nicht machen wird: Ihren Schwarzbau nachträglich genehmigen.
Aber genau da liegt der Unterschied zwischen "uns" und "denen".
Jedenfalls zurück zu unserer merkwürdigen Tradition: Es soll noch einen Bürgermeister gegeben haben. Es war wohl der Nachfolger von dem mit den Grundstücken. Und der wollte unbedingt ein
Feuerwehrhaus bauen. Ein ganz neues und schönes, so eines, um das uns die anderen beneiden. Aber irgendwie wollten die anderen im Stadtrat das nicht, obwohl die ja schwach waren, weil der
Bürgermeister sehr stark war.
Langer Rede, kurzer Sinn: Gebaut hat der Bürgermeister kein Feuerwehrhaus, denn vorher wurde er abgewählt. Aber Planungen hat er in Auftrag gegeben. Ohne Beschluss des Stadtrats, der Tradition
wegen, Sie verstehen sicher. Und auch, nachdem er nicht mehr im Amt war, konnte er sich sicher sein. Seine alten Freunde und teilweise auch seine politischen Gegner hielten fest zu ihm und fanden
jetzt auch, dass man ein Feuerwehrhaus braucht.
Und darum hat das liebe Landratsamt gesagt, dass das schon in Ordnung geht, dass der Bürgermeister einfach so Planungen in Auftrag gegeben hat, weil der Stadtrat ja letztlich auch der Meinung war,
dass man planen und bauen soll. Es ist aber nur ein Gerücht, dass dieser Ex-Bürgermeister jetzt aufgrund seiner hellseherischen Fähigkeiten bei "Next Uri Geller" auftritt.
Darum lieber Leser merk Dir eins: Ein Bürgermeister kann sich sehr viel erlauben. Geht er doch mal zu weit, dann schützen ihn seine Stadtratskollegen. Und wenn das nicht reicht, dann hilft das
Landratsamt.
Irgendwie erinnert mich das an eine Art "Generalamnestie" für Bürgermeister. Damit jetzt nicht gleich wieder einer sagt, wir leben in einer Bananenrepublik, empfehle ich keine "Amnestie", sondern
eine Amnesie. Dieser eine Buchstabe trennt unerträgliche Ohnmacht von beruhigender Gelassenheit. Und wer meint, dass das hier nur eine lustige Geschichte ist, der möge sich das Dokument des
Landratsamts durchlesen.
von Richard Müller.
-
veröffentlicht in: Satire
0